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aus: Erziehung und Wissenschaft, Verbandszeitschrift der GEW, 11/2001 (S.35)

Zukunft für Bildung

Berliner Bildungstage

Am 12. und 13. Oktober fanden in Berlin die Bildungstage statt, die der Berliner Landesverband zusammen mit dem Bündnis „Aktion Bildung“ veranstaltete. Anlass sind die drastischen Kürzungen im Bildungsbereich.

Wirtschaft und Politik sorgten sich, dass der Bundesrepublik die Elite fehle, die ihr den wirtschaftlichen Erfolg sichert, beobachtet Eiko Jürgens, Dekan der Pädagogischen Fakultät der Universität Bielefeld. Sie stützen sich dabei auf Erkenntnisse der Bundesanstalt für Arbeit, wonach bis 2010 der Anteil von Jobs mit hohem Qualifikationsbedarf von derzeit 28 auf 40 Prozent ansteigt. Eindringlich warnte der Pädagoge auf den Berliner Bildungstagen vor einem solchen Verständnis von Bildung, das „die große Minderheit“ übersieht. Eiko Jürgens, Eröffnungsredner der Berliner Veranstaltung, vertritt einen umfassenden, nicht auf Nützlichkeitsaspekte und marktwirtschaftlichen Bedarf reduzierten Bildungsbegriff: Bildung sei die Chance auf Entfaltung der Persönlichkeit. Dieses Recht stehe jedem Kind verfassungsgemäß zu. Somit bleibe die bereits vor 31 Jahren vom Deutschen Bildungsrat zum Ziel erklärte Chancengleichheit hochaktuell. Wohlgemerkt gehe es bei der Realisierung gerade um Differenzierung und Individualisierung schulischer Angebote, meint Jürgens. Beim Ausgleich von Benachteiligungen müsse nicht nur die Sozialpolitik, sondern auch die Schule einen Beitrag leisten, etwa durch stärkere „Pädagogisierung“. Unter einer Voraussetzung seien Qualitätskontrollen an Schulen trotzdem sinnvoll: Dass der Qualitätsbegriff nicht technokratisch angewendet werde. Jürgens: „Wir müssen heute um einen humanitär-sozial geprägten Qualitätsbegriff streiten.“


Schwarzer Peter

Welche Gefahren die Privatisierung von Bildung in Berlin im Hinblick auf Chancengleichheit birgt, arbeiteten Teilnehmer des gleichnamigen Forums heraus. Hochaktuell, denn gerade startete die Senatsschulverwaltung ein Autonomieprojekt an acht Schulen. Diese dürfen nun für zwei Prozent ihrer Personalmittel eigenständig arbeitslose oder pensionierte „Honorarlehrer“ auf Zeit ins Haus holen. „Man knüpft geschickt an reformpädagogische Wünsche nach mehr Eigenständigkeit an“, kommentiert ein Lehrer. „Dabei wird nur der Schwarze Peter weitergereicht. Mit der allgemeinen chronischen Unterfinanzierung muss dann jeder allein klarkommen.“ Dies sei der Beginn eines schleichenden Strukturwandels hin zum Globalbudget für Schulen und zur Privatisierung von Bildungsangeboten. Seine düstere Zukunftsvision: Schulen müssen entscheiden, ob sie in diesem Jahr Lehrmittel kaufen, die Dachrinne reparieren oder sich einen Spanischlehrer besorgen. Forumleiter Heinrich Becker: „Jedes Element von Marktwirtschaft, das an Schulen einzieht, entdemokratisiert und entrechtet Eltern und Lehrer.“


Brennpunkt Schulen

Jörg Ramseger, von der FU Berlin, nannte auf den Bildungstagen Forderungen, die die Lage von Schulen in sozialen Brennpunkten verbessern sollen. Der Berliner Sozialstrukturatlas listet als solche Gebiete, die innerhalb von ein, zwei Jahren völlig kippen können auf: Wedding, Kreuzberg, Neukölln und Randgebiete von Marzahn und Hohenschönhausen. Kinder zeigten dort so Ramseger, allgemeine Mängel an frühkindlicher Sozialisation im kognitiven, affektiv-emotionalen und psychomotorischen Bereich wiesen sprachliche und körperliche Defizite und als Folge ihrer vielfältigen Probleme eine geringe Konzentrationsfähigkeit auf. Viele sind aggressiv, kommen unregelmäßig in die Schule. Ramseger: „Traditioneller Unterricht ist hier nicht möglich.“ Es existiere zwar ein Bündel staatlicher Hilfsmaßnahmen. Doch niemand koordiniere sie. Alles ruhe auf den Schultern einzelner Idealisten und funktioniere nur, solange diese Kraft haben.“ Ramseger: „Wo Lehrer Pädagogen, Elternersatz, Sozial- und Kulturarbeiter in einem sind, brauchen sie faktische Entlastung, materielle Mittel für besondere Integrationsleistungen und vor allem auch öffentliche Anerkennung.“* Fred van Leeuwen, Generalsekretär der Bildungsinternationale (BI), stellte klar, dass man sich unter den Bedingungen der Globalisierung für ein öffentliches, ausreichend aus Steuermitteln finanziertes Bildungswesen stark machen sollte: „Es gibt keine andere Basis für soziale Gleichheit und Chancengleichheit.“ Zwar habe sich die EU entschieden, auch das Bildungswesen für den privaten Markt zu öffnen. Doch der vollbringe keine Wunder, sondern schaffe neue Probleme: „Früher oder später führt Deregulierung zur Einführung von Gebühren, Konkurrenz, Selektion und Ungleichheit.“ Nach Ansicht des BI-Chefs geht deshalb auch in Deutschland kein Weg an höheren öffentlichen Investitionen ins Bildungswesen vorbei.

Bei wichtigen Kennziffern liege das Land schlechter als die OECD-Mittelwerte, so bei den Ausgaben für Bildung, den Klassenstärken und der Zahl der Studienabschlüsse. Die Berliner Bildungstage verabschiedeten ein Manifest „Zukunft für Bildung“** mit rund 50 Forderungen für das Bildungswesen insgesamt sowie für die Bereiche Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Hochschule sowie Weiterbildung und Berufliche Bildung.

Uta Alexander


* Ramsegers Verbesserungsvorschläge im Detail: www.fu-berlin.de/abp

** Nähere Infos zum Berliner Manifest „Zukunft für Bildung“: Internet: www.gew-berlin.de; GEW Berlin, Ahornstraße 5, 10787 Berlin

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