Der Tagesspiegel
27.09.2001
Schulleistungs-Untersuchung
Herkunft entscheidet über Schulerfolg
Erste Pisa-Ergebnisse: Förderung schwächerer Schüler ist ein ungelöstes Problem geblieben
Bärbel Schubert
Kein anderes Thema beschäftigt die deutsche Bildungsszene seit Monaten so sehr wie "Pisa". Nach der öffentlichen Aufregung um das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei der Vorgängeruntersuchung "Timss" wurde die Nachfolgestudie "Pisa" mit großem Aufwand geplant. Nun wurden auf der Festveranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main erste Ergebnisse vorgestellt.
Die Förderung schwächerer Schüler stellt danach für deutsche Schulen ein besonderes Problem dar. Der Schulerfolg hängt darüber hinaus in Deutschland noch stärker als in anderen Ländern von der sozialen Herkunft ab. Zwei Drittel der Leistungsunterschiede zwischen den Schülern lassen sich hier zu Lande mit dem familiären Hintergrund erklären, also rund 66 Prozent. In der Schweiz sind dies dagegen nur 40 Prozent, erläuterte der Max-Planck-Wissenschaftler Eckhard Klieme. Besonders die skandinavischen Länder zeigten, wie man diese Faktoren besser "entkoppeln" könne. Die Schule dort hat also offensichtlich bessere Wege gefunden, an die Begabungen und Interessen der Schüler im Unterricht anzuknüpfen.
Diese Ergebnisse haben sich nach Kliemes Worten bereits in der Vorgängeruntersuchung angedeutet. Die bessere Datenbasis von Pisa belege sie nun eindeutig. Die neue Studie habe auch die früheren Ergebnisse zum Mathematikverständnis der deutschen Schüler bestätigt. Erneut hätten sie am besten bei den so genannten technischen Fertigkeiten abgeschnitten, also bei einfachen Rechenfertigkeiten oder dem Ablesen aus Tabellen. Die Lösung von Problemen, die in Textaufgaben oder Grafiken dargestellt sind und damit alltagsnah, gilt in der Mathematik aber als die anspruchsvollere Fertigkeit. Hierbei haben die Deutschen erneut schlechte Ergebnisse.
Für "Pisa" - das "programme for international student assessment" - werden bundesweit im Zufallsverfahren mehr als 40 000 Schüler an rund 1500 Schulen getestet. Der Schwerpunkt lag in diesem abgeschlossenen ersten Teil international bei Leseverständnis und Textkompetenz. Dazu kommen Problemlösefertigkeiten und soziale Komponenten. Immer wieder waren seit Beginn der Tests aus der Fachwelt Befürchtungen geäußert worden, durch diese Überprüfungen schlichen sich eigene, eigentlich ungewollte Lernziele ein - sozusagen ein Lernen für den Test. Klieme wies dies zurück. Die Testplaner hätten sich auch in Deutschland eng an den Lehrplänen orientiert und damit an dem, was als Unterrichtsstoff vorgegeben sei.
Es ist absehbar, dass die Ergebnisse der neuen Schulleistungsuntersuchung in Deutschland eine neue Schuldebatte auslösen werden. Angesichts der Bevölkerungsentwicklung und steigender Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt steht das Bildungssystem ohnehin vor neuen Herausforderungen. Gerade die Förderung schwächerer Schüler gilt künftig als Muss für die Schulen, denn mit schwachem Schulabschluss oder gar ganz ohne Abschluss werden die Chancen auf dem Arbeitsmarkt immer schlechter. Gleichzeitig werden als Folge der Bevölkerungsentwicklung immer weniger Absolventen die Schule verlassen. Die Schulen müssen also auch in Deutschland lernen, die Kinder stärker zu fördern und weniger zu selektieren. Im Dezember sollen die internationalen "Pisa"-Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Wirkung von Wettbewerb unbewiesen
Doch ungeachtet der neuen Diskussionen: An den bereits begonnenen Schulreformen wird ebenfalls Kritik laut. In den letzten Jahren galten die Anstrengungen von Schulpolitik und -verwaltungen der Verlagerung von Entscheidungsprozessen und Verantwortung an die Schulen und damit an die Betroffenen. Autonomie und Wettbewerb sollten dazu führen, dass die Betroffenen Mittel zielgerichteter einsetzen und Veränderungen an den richtigen Stellen ansetzten. Außerdem sollten so die Reibungsverluste durch Widerstand gegen ungewollte oder als unvernünftig empfundene Entscheidungen der Ministerialbeamten verringert werden. Unterschiedliche Ausrichtungen der Schulen sollen zudem zu Wettbewerb um die Schüler führen.
Manfred Weiß, Wissenschaftler am DIPF, sichtete Studien aus mehreren Ländern zu diesen Themen. "Für die Wirksamkeit von Wettbewerb im Schulbereich fehlt es bislang an überzeugenden empirischen Belegen" - mit dieser These hatte Weiß sofort die Aufmerksam der Zuhörer gewonnen, die zu einem großen Teil seit Jahren in Schulministerien und -verwaltungen an der Einführung solcher Konzepte arbeiten. Anlass waren sowohl das schon genannte schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei Leistungsvergleichen als auch der schlechte Ruf der Schulen beim "Phänomen der Kostenkrankheit".
Weiß' Fazit fiel verheerend aus: Die Auswertung von 85 Studien zum "school-based Management" in angelsächsischen Ländern habe "kaum Hinweise auf einen positiven Zusammenhang mit Schülerleistungen" ergeben. Führte die neue Entscheidungsstruktur auch nicht zu besseren Schülerleistungen, gab eine andere Studie Hinweise auf andere Verbesserungen: Lehrer und Schulleitungen nutzten die erweiterten Handlungsspielräume zur Verbesserung ihrer eigenen Situation. Die Mittel wurden vorrangig etwa für die Anhebung der Lehrergehälter oder die Verkleinerung der Klassen eingesetzt, weniger für neue Lernmaterialien. Zwar bezog sich die zu Grunde liegende Studie der Weltbank auf Entwicklungsländer. Doch eine amerikanische Studie von C. M. Hoxby lege nahe, dass diese Ergebnisse auch darüber hinaus Gültigkeit haben.
Vor einer bruchlosen Übertragung ökonomischer Methoden auf den Bildungsbereich warnte Weiß ausdrücklich. Der Erfolg von Schulunterricht hänge stark von der Mitwirkung der Eltern und Schüler ab. Solche "externen Mitproduzenten" aber ließen sich beispielsweise mit Zielvereinbarungen kaum ereichen. Wie man lernt, in welchem Tempo und in welcher Reihenfolge verlaufe außerdem nicht nach klaren, immer gleichen Gesetzmäßigkeiten.
Lehrer manipulierten Prüfungen
Andernorts haben Wettbewerbsprinzip und Leistungs-Rankings an den Schulen geradezu zu Absurditäten geführt, erinnerte Weiß. So hatten 1999 an New Yorker Schulen aufgeflogene Prüfungen gezeigt, dass Lehrer teilweise über Jahre hinweg Prüfungsarbeiten manipuliert hatten - um den Notenschnitt zu heben und letztlich Schulschließungen zu vermeiden. In den USA können - anders als bei uns - Schulen, die bei Vergleichen anhaltend schlecht abschneiden, nämlich geschlossen werden. Doch auch in England und Deutschland wurden schon Manipulationen zugunsten der Bilanz entdeckt: Leistungsschwache Schüler werden "wegberaten", wie Weiß mit Hinweis auf Hamburger Untersuchungen referierte. Schulische Leistung könne eben sehr viel leichter durch Selektion statt durch vermehrte pädagogische Anstrengungen gesteigert werden. Ein Hamburger Gymnasium hatte denn auch freimütig eingestanden, dass es den gewünschten Leistungszuwachs nach dem ersten Test auch durch verstärkte "Wegberatung" schwächerer Schüler erbracht hatte. Nachdenklich stimmte auch eine Untersuchung über zusätzliche Kosten durch Bildungsgutscheine. Bildungsökonom Henry Lewin von der amerikanischen Columbia University habe vorgerechnet, dass die landesweite Einführung von Bildungsgutscheinen allein für die Verwaltung des Systems sowie Informationen und Schülertransporte Mehrkosten in Höhe von 16 Prozent des Schulbudgets verursachen würde. Weiß mahnte, im Schulmanagement zu bildungsbezogenen Reformkonzepten zurückzukehren und zitierte dazu den amerikanischen Organisationsforscher Sergiovanni: "Schools are special places ... Instead of importing, we need to develop our own theories and practices - theories and practices that emerge from and are central to what schools are like, what schools are trying to do, and who schools serve."
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